Objekt:

 Rollsiegel, Marmor, 19,4 x 11,7 mm.

Datierung:

 Neuassyrische Zeit (800-700).

Herkunft:

 Assyrien/Elam.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VR 1993.11; Ex-Sammlung Marcopoli.

Darstellung:

 Adorationsszene vor stehender Gottheit (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 181, 182, 183), fünffigurig: Links erhebt eine Göttin im Strahlenkranz [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 184: Die Kugeln am Nimbus der Göttin sind Sterne] die Rechte zum Gruss; vor sie treten eine männliche, zwei Kinder und eine weibliche Beterfigur [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 184: Statt des obligaten einzelnen männlichen Verehrers erscheinen vor ihr auf diesem Siegel ungewöhnlicherweise vier Personen. Es dürfte sich um eine Familie mit Vater, Sohn, Tochter und Mutter handeln], alle haben beide Hände zum Gebet erhoben. Die Gottheit ist mit einem hohen Polos und wie der Beter mit einem fransengesäumten Schalgewand bekleidet, das erste Kind mit einer Zipfelmütze [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 184: Haarsträhne?] und einem kurzen Rock, das zweite mit dem fransengesäumten Schalgewand, die weibliche Figur mit einem langen glatten Gewand, das vorn mit einer senkrechten Fransenbahn verziert ist; vor der Gottheit ein mit einer Kugel bekröntes Kreuz, wahrscheinlich das ägyptische Lebenszeichen; hinter ihr eine Raute, im oberen Bildfeld Flügelsonne, achtstrahliger Stern und Sichelmond.

Diskussion:

 [Ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 184: Ursula Seidl hat (mündlich) die Vermutung geäußert, es sei hier eine nach Assyrien übersiedelte elamitische Familie dargestellt, denn im Gegensatz zu den Assyrern findet man in Elam auch sonst die Darstellung von Kindern auf Denkmälern dieser Art. Die Familie, die verehrend vor der belet schame, «der Himmelsherrin», bzw. der scharrat schame, «der Königin des Himmels» steht, erinnert an die lebhaft geschilderte Familie in Jeremia 44,15-19 (vgl. 7,17f), die in gemeinsamer Anstrengung für die «Königin des Himmels» (malkat ha-schamajim) spezielle Kuchen bäckt] [Ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 181: Ein Typ von Göttin erscheint auf Keel/Schroer 2004: Nr. 181-184
Keel/Schroer 2004:
Nr. 181
Nr. 182
Nr. 183
Nr. 184
und 186, der durch Strahlen und starke astrale Konnotationen bestimmt ist. Mit dem Strahlenkranz, den die Göttin umgibt, ist wahrscheinlich das melammu, der «göttliche Glanz», gemeint (Seidl 1976-80: 88). Strahlenkranz und Waffen, wie sie besonders deutlich auf Keel/Schroer 2004: Nr. 183 erscheinen, sind inschriftlich bezeugte Attribute der Ischtar von Irbil/Arbela, die zusätzlich auf ihrem Attributtier, dem Löwen, steht (s. Keel/Schroer 2004: Nr. 87-89
Keel/Schroer 2004:
Nr. 87
Nr. 88
Nr. 89
). Da schriftliche Quellen das melammu nicht einer spezifischen Gottheit vorbehalten, kann die besagte Göttin, namentlich wenn der Löwe fehlt, nicht ohne weiteres mit Ischtar identifiziert werden. Eine weitere Kandidatin ist Mullissu, die Gemahlin Assurs (vgl. dazu Collon 2001b: 127, 138). Andererseits ist Ischtar die Hauptgöttin im assyrischen Pantheon und wird dementsprechend in der bildlichen Darstellung einen erstrangigen Platz eingenommen haben. Die aus den Schultern ragenden Waffen sind auf neuassyrischen Bildern immer zwei gekreuzt getragene Köcher bzw. zwei in den Köchern steckende Bogen und ein gegürtetes Schwert; in der vorgestreckten Hand hält die Göttin einen Ring. Typisch ist der seit altbabylonischer Zeit von ihr getragene lange Schlitzrock. Die sehr wahrscheinlich als Ischtar zu identifizierende kriegerische Göttin im Strahlenkranz ist die einzige weibliche assyrische Göttin, die in Palästina/Israel im 7. Jh. v. Chr. ikonographisch bezeugt ist (Keel/Uehlinger 2001: 332-335). In akkadischen Texten wird die Göttin als belet schame, «Herrin des Himmels», scharrat schame, «Königin des Himmels» und als scharrat schame u kakkabani, als «Königin des Himmels und der Sterne» gepriesen. Von der ikonographisch bezeugten Präsenz der assyrischen Ischtar im Palästina/Israel des 7. Jh. v. Chr. lässt sich die in Jeremia 44,15-19 (vgl. Jeremia 7,17f) bezeugte Verehrung der «Königin des Himmels» (malkat ha-schamajim) nicht ganz trennen, zumal für sie spezielle Kuchen gebacken werden, die man mit einem Lehnwort aus dem Akkadischen als kawwanim bezeichnet. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die ikonographischen Belege für Ischtar zwar aus Palästina/Israel, aber nicht aus Juda stammen. Es ist daher zu erwägen, ob nicht der im 8./7. Jh. in Juda primär verehrten Aschera vom Ischtarkult beeinflusst astrale Züge zugewachsen sind (Keel/Uehlinger 2001: 386-390). Ischtars astraler Charakter und ihr furchterregender kriegerischer Aspekt stehen lyrisch rezipiert im Hintergrund von Hohelied 6,10, wo die Geliebte im Bild der mit Vollmond und Morgenröte assoziierten Göttin erscheint (Müller 1988; Keel 1992b: 204-206). «Der Kult der Himmelskönigin hielt sich übrigens sehr zäh in Vorderasien; wir hören noch von syrischen Christinnen, die ihr opferten, um schön zu werden (Köberle), und sogar die offizielle Kirche konnte diesen Kult nur dadurch unschädlich machen, dass sie ihn in den Marienkult übernahm (‹Himmelskönigin›, stella maris; vgl. dazu Grill 1955)» (Rudolph 1958: 51). Die plötzliche große Popularität der «Himmelskönigin» im 8. Jh. v. Chr. mag mit den im Kommentar zu Keel/Schroer 2004: Nr. 174 kurz angedeuteten Veränderungen der Verhältnisse zusammenhangen. Die Zerschlagung der traditionellen politischen und gemeinschaftlichen Strukturen durch die expansiven Großreiche hat nicht nur zu einer Neubewertung der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie und damit der Mütter geführt, sondern auch zu einer Individualisierung. Das aus der lokalen gesellschaftlichen Bindung gerissene Individuum versuchte sich kosmisch zu beheimaten. Diesem Bedürfnis entsprach die überall, wo der gestirnte Himmel war, gegenwärtige Königin der Gestirne].

Parallelen:

Teissier 1984: Nr. 286: Ankh-Zeichen (Kreuz mit Ring); Delaporte 1923: Taf. 90:3: Kreuz mit Kugel.

Bibliographie:

Teissier 1984: 164f, Nr. 212; Christie’s 1993: 188, lot 267; Keel/Uehlinger 1996: 155, Abb. 178; Keel-Leu/Teissier 2004: 189f, Nr. 202; Keel/Schroer 2004: 202f, Nr. 184; Keel et al. 2007: 63, Nr. 43; Keel 2008: 49, Nr. 44.

DatensatzID:

482

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