Objekt:

 Rollsiegel, Jasopal, 34 x 14,4 mm.

Datierung:

 Neuassyrische Zeit (spätes 8. Jh., Zeit Sargons?).

Herkunft:

 Assyrien.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VR 1992.17; Ex-Sammlung Erlenmeyer.

Darstellung:

 Adorationsszene vor stehendem Götterpaar [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: Die beiden Gottheiten dieser Adorationsszene sind aufgrund der Sockel, auf denen sie stehen, wohl in Form ihrer Kultstatuen dargestellt], dreifigurig: eine bartlose Beterfigur [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: vielleicht ein Eunuch und sehr wahrscheinlich der Siegelbesitzer] mit erhobener Rechten und nach vorn gestreckter Linken [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: Sie hat die Rechte ebenfalls zum Gruß erhoben und hält in der gesenkten Linken wie die von Keel/Schroer 2004: Nr. 181 den Ring der Macht]; vor ihr erhebt eine auf einem Podest stehende, mit gekreuzten Bogen in Köchern und Schwert bewaffnete, bärtige Gottheit [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: Es handelt sich eindeutig um den Mondgott Sin] die Rechte zum Gruss, während sie in der Linken eine kleine Mondstandarte hält; es folgt eine zweite, gleichermassen bewaffnete und auf einem Podest stehende, bartlose Gottheit im Sternenkranz [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: Sie ist von einem doppelten Sternennimbus umgeben; der innere besteht aus Kugel-, der äußere aus Zackensternen. Wahrscheinlich handelt es sich um Ischtar als scharrat schame u kakkabani, als «Königin des Himmels und der Sterne»], die Rechte erhoben, in der Linken einen Ring haltend [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 183: Diese Kultstatuen erscheinen nach Art der assyrischen Gottheiten schwer bewaffnet. Sie tragen gekreuzte Bogen in Köchern mit Sternen an den Enden und haben ein Schwert umgehängt] Die Beterfigur trägt ein Schalgewand mit punktiertem Kassettenmuster, die Gottheiten einen in gleicher Weise verzierten langen Schlitzrock über kurzem Schurz mit über das Vorderbein herabfallender Kordel, eine gehörnte Federkrone mit Sichelmond bzw. (Sonnen-)Scheibe und Armreifen an beiden Handgelenken. Unter dem langen Haar ist ein herabfallendes Band mit Quaste sichtbar. Zwischen der Beterfigur und den Gottheiten die Nabû- und Marduksymbole auf einem Ständer, im oberen Feld die Mondsichel.

Diskussion:

 [Ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 181: Ein Typ von Göttin erscheint auf Keel/Schroer 2004: Nr. 181-184
Keel/Schroer 2004:
Nr. 181
Nr. 182
Nr. 183
Nr. 184
und 186, der durch Strahlen und starke astrale Konnotationen bestimmt ist. Mit dem Strahlenkranz, den die Göttin umgibt, ist wahrscheinlich das melammu, der «göttliche Glanz», gemeint (Seidl 1976-80: 88). Strahlenkranz und Waffen, wie sie besonders deutlich auf Keel/Schoer 2004: Nr. 183 erscheinen, sind inschriftlich bezeugte Attribute der Ischtar von Irbil/Arbela, die zusätzlich auf ihrem Attributtier, dem Löwen, steht (s. Keel/Schroer 2004: Nr. 87-89
Keel/Schroer 2004:
Nr. 87
Nr. 88
Nr. 89
). Da schriftliche Quellen das melammu nicht einer spezifischen Gottheit vorbehalten, kann die besagte Göttin, namentlich wenn der Löwe fehlt, nicht ohne weiteres mit Ischtar identifiziert werden. Eine weitere Kandidatin ist Mullissu, die Gemahlin Assurs (vgl. dazu Collon 2001b: 127, 138). Andererseits ist Ischtar die Hauptgöttin im assyrischen Pantheon und wird dementsprechend in der bildlichen Darstellung einen erstrangigen Platz eingenommen haben. Die aus den Schultern ragenden Waffen sind auf neuassyrischen Bildern immer zwei gekreuzt getragene Köcher bzw. zwei in den Köchern steckende Bogen und ein gegürtetes Schwert; in der vorgestreckten Hand hält die Göttin einen Ring. Typisch ist der seit altbabylonischer Zeit von ihr getragene lange Schlitzrock. Die sehr wahrscheinlich als Ischtar zu identifizierende kriegerische Göttin im Strahlenkranz ist die einzige weibliche assyrische Göttin, die in Palästina/Israel im 7. Jh. v. Chr. ikonographisch bezeugt ist (Keel/Uehlinger 2001: 332-335). In akkadischen Texten wird die Göttin als belet schame, «Herrin des Himmels», scharrat schame, «Königin des Himmels» und als scharrat schame u kakkabani, als «Königin des Himmels und der Sterne» gepriesen. Von der ikonographisch bezeugten Präsenz der assyrischen Ischtar im Palästina/Israel des 7. Jh. v. Chr. lässt sich die in Jeremia 44,15-19 (vgl. Jeremia 7,17f) bezeugte Verehrung der «Königin des Himmels» (malkat ha-schamajim) nicht ganz trennen, zumal für sie spezielle Kuchen gebacken werden, die man mit einem Lehnwort aus dem Akkadischen als kawwanim bezeichnet. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die ikonographischen Belege für Ischtar zwar aus Palästina/Israel, aber nicht aus Juda stammen. Es ist daher zu erwägen, ob nicht der im 8./7. Jh. in Juda primär verehrten Aschera vom Ischtarkult beeinflusst astrale Züge zugewachsen sind (Keel/Uehlinger 2001: 386-390). Ischtars astraler Charakter und ihr furchterregender kriegerischer Aspekt stehen lyrisch rezipiert im Hintergrund von Hohelied 6,10, wo die Geliebte im Bild der mit Vollmond und Morgenröte assoziierten Göttin erscheint (Müller 1988; Keel 1992b: 204-206). «Der Kult der Himmelskönigin hielt sich übrigens sehr zäh in Vorderasien; wir hören noch von syrischen Christinnen, die ihr opferten, um schön zu werden (Köberle), und sogar die offizielle Kirche konnte diesen Kult nur dadurch unschädlich machen, dass sie ihn in den Marienkult übernahm (‹Himmelskönigin›, stella maris; vgl. dazu Grill 1955)» (Rudolph 1958: 51). Die plötzliche große Popularität der «Himmelskönigin» im 8. Jh. v. Chr. mag mit den im Kommentar zu Keel/Schroer 2004: Nr. 174 kurz angedeuteten Veränderungen der Verhältnisse zusammenhangen. Die Zerschlagung der traditionellen politischen und gemeinschaftlichen Strukturen durch die expansiven Großreiche hat nicht nur zu einer Neubewertung der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie und damit der Mütter geführt, sondern auch zu einer Individualisierung. Das aus der lokalen gesellschaftlichen Bindung gerissene Individuum versuchte sich kosmisch zu beheimaten. Diesem Bedürfnis entsprach die überall, wo der gestirnte Himmel war, gegenwärtige Königin der Gestirne].

Parallelen:

Watanabe 1999: 335-337; Watanabe 1992: Taf. 70a: Beterfigur mit kassettenverziertem Gewand ist auf einem Siegel eines Statthalters Sargons II. (722-705) abgebildet; Watanabe 1999: fig. 26: gleiches Symbol- und Götterpaar - Boǧazköy 231; Watanabe 1999: 328-330: Liste von Götterpaaren auf neuassyrischen Beamtensiegeln.

Bibliographie:

Sotheby’s 1992: 123, no. 212; Schroer/Staubli 1993: 68, Nr. 74; Keel/Uehlinger 1996: 155, Abb. 179; Uehlinger 1997b: 332, Abb. 20; Staubli 2003: 80, Nr. 80; Keel-Leu/Teissier 2004: 214, Nr. 237; Keel/Schroer 2004: 202f, Nr. 183; Keel et al. 2007: 64, Nr. 44b; Keel 2008: 48, Nr. 43.

DatensatzID:

535

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