Objekt:

 Rollsiegel, Serpentin, 29 x 12,5 mm.

Datierung:

 Neuassyrische Zeit (900-700).

Herkunft:

 Assyrien.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, VR 1993.9; Ex-Sammlung Marcopoli.

Darstellung:

 Fächerszene vor stehender Gottheit, wie Keel-Leu/Teissier 2004: Nr. 190, mit Göttin im Strahlenkranz mit erhobener Rechten und gegürtetem Schwert [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 182: Die Opfergaben sind für die Göttin, wahrscheinlich Ischtar, bereitgestellt, die ebenfalls ein fransengesäumtes Schalgewand und einen hohen Polos trägt. Sie hat die rechte Hand segnend erhoben und ist von einem doppelten Nimbus umgeben. Die Dreiecke am äußeren Kreis stellen Strahlen oder Sterne dar. Der achtstrahlige Stern rechts oben hinter der Göttin ist das Symbol Ischtars, dem Prototyp aller mesopotamischen Göttinnen]; nur eine Pflanze mit zwei Seitentrieben (oder Keilen?) [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 182: Das ähren- oder zweigförmige Element hinter ihr signalisiert, dass sie auch als Himmelskönigin noch Beziehungen zur Fruchtbarkeit der Erde hat (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 150, 151)], Gestell mit zwei Gefässen übereinander, Winkel oder Kratzer vor Göttin [ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 182: Ein männlicher, bärtiger Verehrer im fransengesäumten Schalgewand und mit einer langen Stola über der Schulter schwingt mit der erhobenen Rechten einen Fächer und hält in der Linken ein Tuch. Mit dem Fächer sollen wohl die Fliegen verscheucht werden, die durch den Inhalt der zwei Gefäße angelockt werden, die auf dem Gestell vor ihm stehen]; Randleiste.

Diskussion:

 [Ergänzter Text von Keel/Schroer 2004: Nr. 181: Ein Typ von Göttin erscheint auf Keel/Schroer 2004: Nr. 181, 182, 183, 184 und 186, der durch Strahlen und starke astrale Konnotationen bestimmt ist. Mit dem Strahlenkranz, den die Göttin umgibt, ist wahrscheinlich das melammu, der «göttliche Glanz», gemeint (Seidl 1976-80: 88). Strahlenkranz und Waffen, wie sie besonders deutlich auf Keel/Schoer 2004: Nr. 183 erscheinen, sind inschriftlich bezeugte Attribute der Ischtar von Irbil/Arbela, die zusätzlich auf ihrem Attributtier, dem Löwen, steht (s. Keel/Schroer 2004: Nr. 87, 88, 89). Da schriftliche Quellen das melammu nicht einer spezifischen Gottheit vorbehalten, kann die besagte Göttin, namentlich wenn der Löwe fehlt, nicht ohne weiteres mit Ischtar identifiziert werden. Eine weitere Kandidatin ist Mullissu, die Gemahlin Assurs (vgl. dazu Collon 2001b: 127, 138). Andererseits ist Ischtar die Hauptgöttin im assyrischen Pantheon und wird dementsprechend in der bildlichen Darstellung einen erstrangigen Platz eingenommen haben. Die aus den Schultern ragenden Waffen sind auf neuassyrischen Bildern immer zwei gekreuzt getragene Köcher bzw. zwei in den Köchern steckende Bogen und ein gegürtetes Schwert; in der vorgestreckten Hand hält die Göttin einen Ring. Typisch ist der seit altbabylonischer Zeit von ihr getragene lange Schlitzrock. Die sehr wahrscheinlich als Ischtar zu identifizierende kriegerische Göttin im Strahlenkranz ist die einzige weibliche assyrische Göttin, die in Palästina/Israel im 7. Jh. v. Chr. ikonographisch bezeugt ist (Keel/Uehlinger 2001: 332-335). In akkadischen Texten wird die Göttin als belet schame, «Herrin des Himmels», scharrat schame, «Königin des Himmels» und als scharrat schame u kakkabani, als «Königin des Himmels und der Sterne» gepriesen. Von der ikonographisch bezeugten Präsenz der assyrischen Ischtar im Palästina/Israel des 7. Jh. v. Chr. lässt sich die in Jeremia 44,15-19 (vgl. Jeremia 7,17f) bezeugte Verehrung der «Königin des Himmels» (malkat ha-schamajim) nicht ganz trennen, zumal für sie spezielle Kuchen gebacken werden, die man mit einem Lehnwort aus dem Akkadischen als kawwanim bezeichnet. Allerdings darf nicht übersehen werden, dass die ikonographischen Belege für Ischtar zwar aus Palästina/Israel, aber nicht aus Juda stammen. Es ist daher zu erwägen, ob nicht der im 8./7. Jh. in Juda primär verehrten Aschera vom Ischtarkult beeinflusst astrale Züge zugewachsen sind (Keel/Uehlinger 2001: 386-390). Ischtars astraler Charakter und ihr furchterregender kriegerischer Aspekt stehen lyrisch rezipiert im Hintergrund von Hohelied 6,10, wo die Geliebte im Bild der mit Vollmond und Morgenröte assoziierten Göttin erscheint (Müller 1988; Keel 1992b: 204-206). «Der Kult der Himmelskönigin hielt sich übrigens sehr zäh in Vorderasien; wir hören noch von syrischen Christinnen, die ihr opferten, um schön zu werden (Köberle), und sogar die offizielle Kirche konnte diesen Kult nur dadurch unschädlich machen, dass sie ihn in den Marienkult übernahm (‹Himmelskönigin›, stella maris; vgl. dazu Grill 1955)» (Rudolph 1958: 51). Die plötzliche große Popularität der «Himmelskönigin» im 8. Jh. v. Chr. mag mit den im Kommentar zu Keel/Schroer 2004: Nr. 174 kurz angedeuteten Veränderungen der Verhältnisse zusammenhangen. Die Zerschlagung der traditionellen politischen und gemeinschaftlichen Strukturen durch die expansiven Großreiche hat nicht nur zu einer Neubewertung der kleinsten gesellschaftlichen Einheit, der Familie und damit der Mütter geführt, sondern auch zu einer Individualisierung. Das aus der lokalen gesellschaftlichen Bindung gerissene Individuum versuchte sich kosmisch zu beheimaten. Diesem Bedürfnis entsprach die überall, wo der gestirnte Himmel war, gegenwärtige Königin der Gestirne].

Parallelen:

Keel-Leu/Teissier 2004: Nr. 197: Göttin.

Bibliographie:

Teissier 1984: 164f, Nr. 210; Christie’s 1993: 188, lot 267; Keel-Leu/Teissier 2004: 185, Nr. 193; Keel/Schroer 2004: 202f, Nr. 182.

DatensatzID:

473

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