Objekt:

 Figurine, Ton, 29,5 x 9,5 x 4,5 cm.

Datierung:

 Spätptolemäische Zeit-Frühe Kaiserzeit (1. Jh. v. bis 1. Jh. n. Chr.).

Herkunft:

 Ägypten.

Sammlung:

 Fribourg, Sammlungen BIBEL+ORIENT, ÄFig 2004.3.

Darstellung:

 Die vorliegende Figur ist aus zwei Modelen gearbeitet, hohl und oben offen. Die vordere und hintere Seite sind plastisch gestaltet und beide seitlich nicht sehr sorgfältig miteinander verbunden. Die griechisch-römische Gestalt der Aphrodite-Venus wurde in hellenistischer Zeit im Vorderen Orient und in Ägypten auf vielfältige Weise aufgegriffen und mit lokalen Traditionen verbunden. Ein erstes Element der lokalen Tradition ist bei der vorliegenden Figur die Armhaltung. Sie ist griechisch-römischen Figuren der Göttin ist fremd (vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 232, 233). Bei erotischen Figuren aus Mesopotamien sind die Hände auf dem Bauch ineinander gelegt (Keel/Schroer 2004: Nr. 52, 53), bei syrisch-levantinischen halten sie die Brüste (Keel/Schroer 2004: Nr. 2, 3, 4, 25, 45, 103, 104). Die seitlich eng an den Körper gepressten Arme sind in Ägypten bei erotischen Frauenfiguren vom 5. Jahrtausend v. Chr. an (Keel/Schroer 2004: Nr. 8) und dann immer wieder zu finden (Keel/Schroer 2004: Nr. 38, 39, 40, 117, 118, 119, 120, 121). Ein zweites Element der lokalen Tradition sind die Kuhhörner, die die mit zwei Federn geschmückte Sonnenscheibe einrahmen. Die Sonnenscheibe zwischen den Hörner ist ursprünglich ein Element der kuhgestaltigen Hathor (Keel/Schroer 2004: Nr. 33, 127, 148). Es ist als Kopfschmuck von Isis übernommen worden (Keel/Schroer 2004: Nr. 174-176
Keel/Schroer 2004:
Nr. 174
Nr. 175
Nr. 176
). Bei der vorliegenden Figur ist es nur noch ein zuoberst an der üppigen Haartracht getragenes «Abzeichen», nicht mehr Teil der Gestalt. Schon in ägyptisch-griechischen Texten des 1. Jh. v. Chr. wird es als basileion «das Königliche» bezeichnet (Tinh 1990: 791f). Es verleiht nach griechischer Auffassung der damit ausgezeichneten Göttin den Status einer Königin. Für Ägypten neu und auf griechischen Einfluss zurückzuführen ist, dass eine ägyptische Göttin nackt dargestellt wird (zu nackten asiatischen Göttinnen in Ägypten vgl. Keel/Schroer 2004: Nr. 108). Auffallend an der vorliegenden Figur ist ihre überdimensionierte Haarpracht. Sie besteht aus vier auf jeder Seite des Gesichts herabhängenden kurzen und vier langen Zapfenzieherlocken, aus Stirnlocken und drei hochgesteckten, konzentrischen Haarwülsten, von denen die beiden unteren durch Punkte als Löckchen stilisiert sind. Der mittlere wird durch ein Diadem mit zwei kreisrunden Elementen gehalten. Der schmalere äußere Haarwulst wirkt wie ein Nimbus. Zwei weitere Haarsträhnen sind außen an den Oberarmen zu sehen. Das üppige Haar signalisiert Vitalität (Keel 1992b: 131-133). Vitalität und Fruchtbarkeit suggerieren auch die je rechts und links von den Zapfenzieherlocken horizontal hervortretenden doppelten Akanthusblätter. Zahlreiche ähnliche Figuren tragen auf dem Kopf einen Scheffel bzw. Korb (lat. modius, griech. kalathos) als Zeichen der Fülle und Üppigkeit, die die Göttin gewährt (Thin 1990: 781). Figuren dieser Art sind früher fälschlicherweise als «Totenbräute» bezeichnet worden. Hellenistische Eheverträge aus Ägypten bezeugen, dass sie jungen Bräuten als Teil der Mitgift mitgegeben wurden (Valtz 1988: 229 zu Abb. 316). Die von Gesundheit strotzenden, fröhlich-erotischen Figuren sollten den jungen Frauen offenbar etwas von ihrer Vitalität als Mitgift vermitteln.

Parallelen:

Philipp 1972: 9, 21, Nr. 12, 23f, Nr. 18, 24f, Nr. 21; Dunand 1979: pls. 33:52-53, 34:54, 35-37:58-60.

Bibliographie:

Keel/Schroer 2004: 250f, Nr. 231; Keel et al. 2007: 84, Nr. 61; Keel 2008: 30, Nr. 12.

DatensatzID:

918

Permanenter Link:

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